Dein Körper gibt dir Orientierung

Stärker - Höher - Schneller

In unserer "gewinn"orientierten Gesellschaft wird sogenannter Erfolg willkürlich (wer bestimmt das?) als "Etwas" gemessen und fast ausschließlich kognitiven bzw. physischen Leistungen zugeordnet.

Und die Ergebnisse müssen immer besser sein: Alles, was nicht mithalten kann, wird abgewertet, versteckt oder "weg gemacht". Schnell muss alles wirken und einfach muss es sein … ich gebe zu, auch ich hätte manchmal gerne eine magic bullet, eine Wunderpille, die alles mühelos gutmacht.

Der Geist wird über den Körper gestellt, der oft nur als Maschine betrachtet wird, die man optimalerweise mit gesunder Ernährung und ausreichender Bewegung leistungsfähig erhalten muss, was einerseits richtig (!) ist, aber andererseits nur vom Kopf und dem Zeitgeist vorgegeben wird. Weil "es halt gesund ist". Weil "ich das machen muss". Entscheide ich oder werde ich entschieden? Und was sagt Ihr eigener Körper dazu?

 

"Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare".
— Christian Morgenstern

Schon in der Antike und besonders seit René Descartes´ "Ich denke, also bin ich" wird das Leib-Seele-Problem diskutiert: Sind  Körper, Geist und Seele eine Einheit oder stehen sie in einer Hierarchie zueinander?

Heute wissen wir, dass die drei Anteile nicht voneinander getrennt werden können: Gehirn, Geist und Seele sind im Organismus "verkörpert" und unser Körper ist in die Umwelt eingebettet. Erst durch die Wechselwirkungen aller Aspekte entsteht unser ganzes Sein.

Die Beziehung zu unserem Körper verläuft meist top-down (vom Kopf abwärts zum Körper) und ist vielfach nur vom äußeren Erscheinungsbild geprägt, bestenfalls wird dem "Bauchgefühl" noch Beachtung geschenkt – ein anderer Kontakt zu uns selbst existiert oft gar nicht oder erscheint naiv.

Die Entkopplung von Körper, Geist und Seele verursacht oft großes Leid und Schmerzen und die Kompensation kann sich dann durch körperliche und/oder psychische akute oder chronische Beschwerden zeigen, die sich, obwohl ärztlich abgeklärt, nicht verbessern.

Wechselspiel zwischen An- und Entspannung - Gedankensplitter

Probleme, wir können sie auch Herausforderungen, Aufgaben oder "Chancen in Arbeitskleidung" (Henry J. Kaiser) nennen, gehören zum Leben und ihre Bewältigung formt uns letztlich zu besonderen und einzigartigen Menschen. Der Wunsch und der Drang zu dieser Weiterentwicklung sind von Geburt an in uns angelegt.

Denken Sie an ein kleines Kind, das Gehen lernt. Ohne das Lösen dieser anfangs schwierigen Aufgabe könnte es die Entwicklungsschwelle vom Baby zum Kleinkind nicht überschreiten. Es hört nicht auf, immer wieder aufzustehen, es solange zu versuchen, bis es diese Herausforderung geschafft hat. Dadurch gelingt Fortschritt, im wahrsten Sinne des Wortes.

Stress = Problem = Krise = Chance?

Veränderungen (Reize) im Inneren und im Äußeren bedeuten aber jedes Mal "Stress" für Körper, Geist und Seele. Stress bedeutet im Allgemeinen jedoch völlig wertfrei einfach ein "Herausfallen" aus einem (meist gemütlichen) Gleichgewichtszustand, den unser Körper v.a. unbewusst (Autonomes Nervensystem) immer wieder herstellt. Das geschieht einerseits physiologisch im Körper (z.B. alle Regulierungsvorgänge wie Blutdruck, Hormone, …) und andererseits auch in unserem mindset (z.B. die Erinnerung an Gefahr).

Der Einfachheit halber ordnen wir die Reize aus der Umwelt und unsere Lebenserfahrungen in ein Bewertungssystem, was berechtigt ist und viele Vorteile bringt. Sehr stark reduziert kann man die zwei Hauptkategorien "Sicher" und "Nicht sicher" nennen. In diese gedanklichen "Schubladen" werden die Erinnerungen und Erfahrungen an alle Situationen und Begegnungen abgelegt und damit wir sie uns besser merken, mit Gefühlen versehen.

Die Gefühle weisen uns als körperlich wahrnehmbare Signale auf die zugrunde liegenden Emotionen wie Angst, Trauer, Wut, Freude … hin. Doch was bedeutet meine Wut, muss ich sie unterdrücken, wie, wo und wann darf ich sie zeigen und was möchte sie mir überhaupt sagen? Welche "Sprache" spricht denn meine z.B. Angst oder Trauer?

Spektrum der Gefühle - Polyvagaltheorie

Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Eva Kaul, IBP-Institut. Ergänzt von Andrea Futschik

Wahrheit und Wirklichkeit – Eine Meisterleistung des Nervensystems

Da wir viele "Vokabeln" der Körpersprache verlernt haben, versuchen wir als vernunftbegabte Lebewesen die Welt über unseren Verstand zu begreifen, was aber ohne dem körperlichen "Greifen" auch nicht vollständig gelingen kann. Sie sehen schon, unser Geist braucht einen Körper, um verstehen zu können.

Durch die Überbetonung des Kognitiven und weil unser Gehirn unaufhörlich arbeiten möchte, zerpflücken wir unser Wissen bis ins kleinste Detail, wir beurteilen, interpretieren und zerdenken – das "nehmen" wir dann (subjektiv) als wahr, doch genauer ausgedrückt "geben" wir wahr. So entsteht die "Wahrheit" und "Wirklichkeit" durch unsere Annahmen. Auf dieses "Wissen" greifen wir gerne und in Stresssituationen automatisch zu. Es beeinflusst und steuert unser Verhalten … nicht immer so, wie wir es wollen oder uns wünschen. Anstatt zu agieren (bewusste Entscheidung), reagieren wir (meist unbewusst).

"Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen."
– Epiktet

Unser Nervensystem – Schnittstelle zwischen Umwelt, Körper, Geist und Seele

Wichtig zu wissen ist dabei, dass diese (noch unbewussten) Reaktionen immer im Dienst des Überlebens stehen … wir sind die Nachfahren jener Steinzeitmenschen, die sich erfolgreich mit passenden Verhaltensweisen vor Höhlenbär und Säbelzahntiger gefürchtet haben. Somit ist Angst als Überlebensstrategie wohl unsere wichtigste Emotion.

Wir leben jedoch nicht mehr in der Steinzeit (das nehme ich jetzt einfach so an) und manche Handlungen unseres perfekt an das Überleben angepassten Körpers, sind in vielen Situationen nicht mehr adäquat, z.B. ständig davonzulaufen – flight, zu kämpfen – fight oder zu erstarren – freeze.

Sehr vereinfacht gesagt, steht dem aktivierenden Teil (Sympathikus) des autonomen Nervensystems unser Regenerations- und Erholungssystem, der Parasympathikus, gegenüber. Er dient dem "Herunterfahren" des Körpers um Essen zu verdauen und Wunden, Verletzungen, etc. zu reparieren, aber auch um unser Bedürfnis nach sozialen Beziehungen zu nähren. Und genau diesen Prozessen, die Ruhe und Zeit benötigen, wird in einer extrem auf Leistung und Gewinn ausgerichteten Gesellschaft zuwenig Raum und Zeit gegeben – ein gestörtes Gleichgewicht.

Vom Leistungssport weiß man, dass die entscheidende Zeit für Leistungssteigerung in der Erholungsphase liegt. Hier erfolgen die körperlichen und psychischen Anpassungen, um für folgende Herausforderungen besser vorbereitet zu sein. Zuviel Training bzw. zuwenig Pause machen eben nicht höher, schneller und stärker.

Fazit: Wir brauchen "Stress", um uns weiterentwickeln zu können, aber ebenso die Erholungsphasen, damit Regeneration auf allen Ebenen des Seins stattfinden kann.

"Nirgends strapaziert sich der Mensch mehr als bei der Jagd nach Erholung."

– Laurence Sterne

 

Sind Pausen in unserer Zeit nur erlaubt bzw. "etwas wert", wenn wir sie mit Tätigkeiten füllen, die dann z.B. aktive Freizeit heißen? Was brauchen wir wirklich? Spüren oder empfinden wir das noch? Entscheidet wieder nur der Kopf, was "gemacht werden sollte"? Betäuben wir die leise Stimme in unserem Inneren mit allerlei "Wichtigem"?

Die Kunst besteht darin, sich selbst so gut wahrnehmen und spüren zu können, dass die passende Balance zwischen Herausforderung und Erholung gefunden werden kann. Kein einziger Ratgeber kann so in Ihren Körper spüren, wie Sie selbst … und Sie können das wieder erlernen und erfahren, denn alles, was Sie dazu brauchen, haben Sie schon bei und in sich.